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Mein Märchen

Auf meinem Weg zum Märchenerzähler

Als ich einmal auszog, um Märchenerzähler zu werden, führte mich mein Weg auch durch einen tiefen dunklen Wald.

Es kam, wie es kommen musste: Ich kam vom Weg ab und irrte drei Tage und drei Nächte durch den finsteren Wald. Dabei hatte ich weder zu essen noch zu trinken und mich plagte ein entsetzlicher Durst.

Endlich entdeckte ich eine kleine Lichtung. Mitten auf dieser Lichtung entsprang aus einem großen Stein eine Quelle reinsten Wassers. Ich wollte sofort meinen Durst löschen, fand aber, dass die Quelle von einem großen, grünen Drachen mit langen, spitzen, gelben Zähnen und kleinen, bösen, roten Augen be­wacht wurde. Mein Durst war aber so fürchterlich, dass ich mich dennoch an die Quelle wagen wollte. Ich schlich mich leise heran, doch der Drache be­merkte mich, kam auf mich zu und wollte mich fressen.

Ich versuchte ihn abzulenken, indem ich ihm ein Märchen erzählte. Aber da ich erst auf mei­nem Weg zum Märchenerzähler war und dem Drachen schon viele Märchen er­zählt worden waren, konnte ich ihn damit nicht beeindrucken. „Erzähl mir doch keine Märchen!“, fauchte der Drache und versuchte mir den Kopf ab­zubeißen. Da ich mich aber blitzschnell umdrehte und zur Abwehr meine Hand erhob, erwischte er mich nicht richtig und schlug seine hässlich gel­ben Zähne nur in meinen kleinen Finger. Obwohl dieser Biss sehr schmerzhaft war, musste ich doch, weil er mich dabei mit seinen Schnurr­barthaaren im Nacken kitzelte, lauthals la­chen. Das aber war dem Drachen noch nie passiert. Niemals hatte er eines seiner Opfer lachen hö­ren. Er er­schrak darob so sehr, dass er die Flucht ergriff und nimmer mehr gesehen ward.

Als das Ungeheuer fort war, ging ich sofort zur Quelle, löschte meinen Durst, wusch meine Wunde und entdeckte sodann, dass der Drache der Hüter eines kostbaren Schatzes gewesen war.

Ich nahm diesen Schatz an mich und machte mich wieder auf den Weg. Schließlich fand ich auch aus dem Wald heraus und kehrte glücklich heim.

Der Drache hatte sich aber gewiss nie die Zähne geputzt und daher war sein Mund voller Schmutz und Bakterien. Die Bisswunde an meinem kleinen Finger entzündete sich auch sogleich, kaum war ich zu Hause ange­langt, und ich bekam eine schwere, lebensgefährliche Blutvergiftung. Die Ärzte im Krankenhaus haben mir ­dann in mehreren, schwierigen Operati­onen das Leben, die Hand und sogar den kleinen Finger gerettet. Darüber war ich so froh und dankbar, dass ich den Drachenschatz unter ihnen auf­teilte.

So habe ich von diesem Abenteuer, außer meiner Erfahrung, nur eine Narbe an meiner linken Hand zurück behalten.

Und wenn ich nicht gestorben bin, so erzähle ich Euch gerade ein Märchen.

© Gerd Langer, alias Albertus Fabulator

"Märchen sind mehr als wahr. Nicht, weil sie uns sagen, dass es Drachen gibt. Sondern weil sie uns sagen, dass Drachen besiegt werden können."
G. K. Chesterton


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